14.04.2020

„Liquidität ist aktuell das dringendste Problem“

Max Schumacher ist Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG). Er skizziert im Interview die Lage in der Branche und schneidet auch das Thema möglicher Krisenfolgen, wie Rückverlagerungen der Produktion vom Aus- ins Inland, an (Foto: Andreas Bednareck).

Die Coronakrise hat Europa seit Februar erfasst und geht in Deutschland in ihren zweiten Monat. Inwiefern ist die deutsche Gießerei-Industrie betroffen? Interview mit Max Schumacher, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Gießerei-Industrie (BDG), zum aktuellen Stand der Branche in der Corona-Pandemie.

Sie haben aktuell erneut Ihre Mitglieder nach den Auswirkungen der Corona-Pandemie befragt. Inwiefern haben sich die Antworten verändert?
Vorab möchte ich bemerken, dass die Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung von uns mitgetragen werden, denn der Gesundheitsschutz macht dies erforderlich, auch wenn unsere Gießereien inzwischen sehr wesentlich von der Coronakrise beeinträchtigt sind. Wir haben diesbezüglich viele Hinweise aus persönlichen Gesprächen, aber darüber hinaus auch aus den beiden Mitgliederbefragungen. Die zweite haben wir gerade ausgewertet. Dazu einige sehr deutliche Aussagen: Wir hatten gefragt, ob die Betriebe Auswirkungen im Betriebsablauf spüren. Vor drei Wochen haben dies 76 Prozent der Befragten bejaht, jetzt sind es 96 Prozent. Anders gesagt: Die Krise ist jetzt in der Mitte unserer Gießerei-Industrie abgekommen. Das unkoordinierte Schließen vieler Produktionsstätten ist für die Zulieferer eine enorme Herausforderung mit vielen Problemen, welche wir auch an die OEM kommuniziert haben

Wie stellen sich die Beeinträchtigungen in der deutschen Gießerei Industrie denn konkret dar?
Wir haben in unserer Industrie momentan viele Beeinträchtigungen. Offensichtlich sind die Beschränkungen bei Geschäftsreisen. Kunden bleiben aus und kommen nicht mehr in die Betriebe, wir haben aber auch Absatzschwierigkeiten, Lieferanten- und Zulieferausfälle. Mitarbeiter fallen aus, teilweise muss die Produktion geschlossen werden, auch, aber nicht nur aufgrund der Situation mit den OEM. Aus der Befragung geht hervor, dass derzeit, also um die Osterfeiertage etwa 70% der Gießereien geschlossen haben. Und wir sehen zunehmend Liquiditätsengpässe. Dies ist das dringendste Problem, welches es zu lösen gilt.

Was bedeuten die Beeinträchtigungen für die Unternehmen?
Eine ganz deutliche Zunahme der Kurzarbeit. Bei unserer ersten Befragung lag der Anteil der Gießereien, die bereits in Kurzarbeit sind oder sie unmittelbar erwarten, bei rund der Hälfte aller Betriebe. Die Situation hat sich in den vergangenen drei Wochen jetzt deutlich verschärft. Inzwischen sind wir bei fast 90 Prozent aller Betriebe. Umgekehrt formuliert. Nur noch eine kleine Minderheit von Gießereien arbeitet ohne Beeinträchtigung.

Wie beurteilen Sie vor diesem Hintergrund die von der Bundesregierung beschlossenen Maßnahmen zur Abfederung der Coronakrise.
Hier muss man wirklich sagen, dass diese Krise hochdynamisch ist. Man kann positiv festhalten, dass auch der Bundesregierung diese Tatsache sowie die außergewöhnlichen Umstände sehr bewusst sind. Die Bundesregierung hat sehr schnell richtige Maßnahmen ergriffen und damit deutlich gemacht, wie ernst es ihr ist. Das ist ein wichtiges Signal. Entscheidend ist, dass die Politik alle Staatshilfen unbürokratisch und möglichst passgenau anbietet. Dazu passt auch die Korrektur der Haftungsrisiken: Die 100-Prozent-Riskoübernahme seitens der KfW bei der Vergabe der Kredite durch die Hausbanken ist auch nach der Einschätzung unserer Mitgliedsunternehmen ein ganz zentraler Eckpfeiler der Hilfe für die Branche. Man wird sehen müssen, ob diese Maßnahme, die ja auf mittelständische Unternehmen bis 250 Mitarbeiter beschränkt ist und eben einen rückzahlbaren Kredit garantiert, der Weisheit letzter Schluss ist. Die wirtschaftliche Krise, die durch die Pandemie ausgelöst wird, ist nicht in ein paar Wochen vorbei, sondern wird uns noch länger begleiten.

Was könnten Gießereien jetzt tun, um für die Zeit nach Corona gut vorbereitet zu sein?
Noch sind wir mitten in der Krise und es ist sicherlich zu früh, um einen Ausblick zu geben. Aber wir sehen in unserer aktuellen Befragung einige durchaus positive Punkte. Ein Beispiel dazu: Wir haben unseren Gießern die Frage gestellt, ob sie sich in der Lage sehen, rasch Alternativen bei Lieferengpässen zu finden. Bei unserer zweiten Umfrage haben das deutlich mehr Betriebe bejaht als vor drei Wochen. Das heißt doch: Unser Unternehmer werden aktiv, hinterfragen ihre eigenen Lieferketten, denken out-of-the-box. Es geht um Lieferantenwechsel, auch um Alternativen in der Produktion, etwa die Schlichte umzustellen, wenn bestimmte Alkoholsorten knapp und teuer werden. Das ist eine außergewöhnliche Krisensituation, die von allen Beteiligten Flexibilität verlangt und eine gewisse Leidenschaft, die Themen anzugehen, was übrigens auch uns als Verband betrifft. Derzeit geht es sehr stark darum, zuverlässige Zusagen für Lieferabrufe von den Kunden zu bekommen und wir hoffen darauf, dass die Konditionen den deutlich veränderten Umständen angepasst sind.

Was tun Sie für die Branche in dieser Krise?
Eine zentrale Botschaft unseres Leitbildes lautet: Wir schaffen Raum zum Gießen. Und das machen wir momentan sehr aktiv. Wir begleiten die Unternehmen, wir sind bei ihnen. Gerade in so einer Krisensituation will ich als Unternehmen wissen: Wo stehen die anderen? Gibt es da die gleichen Themen? Was kann man tun? Zwar ist die Coronakrise das momentan absolut beherrschende Nachrichtenthema, aber da fehlen natürlich die spezifischen Aspekte und die konkreten Informationen zu unserer Industrie. Wir haben tagesaktuelle Informationspakete zu den Unternehmens-relevanten Themenblöcken recherchiert und zusammengestellt, wir nennen sie Notfallkoffer, und wir sind auf vielerlei Weise nah an unseren Unternehmen dran. Nicht zuletzt über die Befragungen. Dass wir als Interessenvertreter die Positionen der Gießereien in die politische Diskussion bringen, bedarf keiner besonderen Erwähnung.

Wenn Sie abschließend nochmal einen Ausblick wagen: Was kommt nach der Krise?
Lassen Sie uns dazu nochmal in ein paar Monaten sprechen, wenn die akute Krise vorbei ist, dann wird manches klarer sein. Anderes deutet sich bereits an, Stichworte Lieferketten: Die Coronakrise wird natürlich nicht alles in Frage stellen. Auch künftig wird für den Einkauf der Preis die dominierende Größe sein, aber es werden inzwischen durchaus Diskussionen geführt und Fragen gestellt: Macht es Sinn, über Rückverlagerungen nachzudenken? Werden nationale und regionale Betriebe zumindest als wertvolle second source überdacht? Diese Diskussionen haben begonnen und wir als Verband werden die natürlich sehr aufmerksam verfolgen und unseren Beitrag darin leisten. Das gilt auch für Themen, die in den kommenden Monaten zurück auf die Agenda kommen können: Es reicht nicht, Belastungen zu vermeiden, es bedarf auch echter Entlastungen.

Ob dies durch Streichung der EEG-Umlage oder anderweitig erfolgt, ist sicherlich intensiv und mit großem Verantwortungsbewusstsein auf allen Seiten zu diskutieren. Es ist sicherlich auch nicht die Zeit, jetzt zu fordern, was man schon immer mal durchsetzen wollte. Aber ein Belastungsmoratorium und Entlastungsmöglichkeiten müssen gewissenhaft geprüft und diskutiert werden. Und ganz aktuell brauchen wir auch ein Szenario, wie das Hochlaufen des öffentlichen Lebens in der allernächsten Zeit ausgestaltet werden soll. Nur so können wir für uns und die Mitarbeiter wieder einen neuen Horizont aufbauen und uns auf die alte Stärke der Gießerei-Industrie besinnen: die Innovationskraft und die Anpassungsfähigkeit.

Das Gespräch mit Max Schumacher führte Thomas Fritsch von Foundry Planet