28.04.2021

„Nachhaltigkeit wird Entscheidungskriterium für Kunden“

Baumgarte-Geschäftsführer Clemens Küpper: „Guss wird weiter gebraucht. Und das, was man braucht, sollte möglichst schonend für Mensch und Umwelt produziert werden.“

Um nachhaltig zu wirtschaften, wird in Deutschland zunehmend erneuerbare Energie gewonnen, die Umwelt geschont und sparsam mit Ressourcen umgegangen, so auch in der Gießerei-Industrie. Nachhaltigkeits-Ratings, wie das Ecovadis Sustainability Rating, gewinnen analog an Bedeutung. Die Eisengießerei Baumgarte hat nun die Ecovadis-Silber-Medaille gewonnen. Ein Gespräch mit Geschäftsführer Clemens Küpper über den Preis sowie Anspruch und Wirklichkeit von Nachhaltigkeit in der Branche.

Herr Küpper, Gratulation zur gewonnenen Silbermedaille. Welche Bedeutung hat der Preis für Sie?
Wir freuen uns zwar über die neue Herausforderung, das ist ganz klar. Allerdings gilt es als Unternehmer zu bedenken, dass ein solcher Preis weder die Auftragslage verbessert noch die Kosten senkt. Allerdings haben wir den Mut zusammengenommen und es gemacht, weil uns ein Großkunde dazu aufgefordert hat. Die großen Unternehmen haben ja eine Berichts- und Nachhaltigkeitspflicht, da ist es kein Wunder, dass der damit verbundene Anspruch dann irgendwann weitergereicht wird. Klar ist, nichts in Sachen Nachhaltigkeit zu tun, ist falsch. Wir tun immer so, als wenn wir etwas zu verbergen hätten oder es schlimmstenfalls gar nicht nötig hätten, etwas zu tun, weil wir ja die deutschen Gesetze und die höchsten Standards weltweit haben. Bei einem internationalen Prüfverfahren wie diesem sollten wir dann auch gut abschneiden.

Wie genau sieht das Prüfverfahren aus?
Wir haben einen Fragebogen der internationalen Ratingagentur Ecovadis mit 77 Fragen bekommen, in dem es unter anderem um Ethik in der Beschaffung ging. Es gibt noch weitere Ratingagenturen dieser Art, die Unternehmen zum Thema Nachhaltigkeit beraten und unterstützen. Wir müssen erkennen, dass auf dem internationalen Markt Dinge wie Nachhaltigkeit wichtiger werden.

Und die Auswertung Ihrer Antworten hat dann die Silbermedaille ergeben?
Genau. Weitere Fragen lauten zum Beispiel: Haben Sie bestimmte ethische Grundsätze und Erklärungen in Ihrem Unternehmen? Das habe ich angekreuzt, musste aber feststellen, dass die Frage damit nicht erledigt ist. Dann heißt es nämlich: Laden Sie ein Dokument hoch. Man muss es also belegen – und zwar mit einem hohen Dokumentenstandard. Es ist nicht nur ein Fragebogen, sondern eine Positionierung, die bei uns mit Silber ja gut ausgefallen ist. Die Beurteilung kann man dann mit Kunden und Lieferanten teilen. Ich setze da aber lieber auf die Social Media-Plattform LinkedIn, die wir mithilfe des BDG seit einiger Zeit nutzen.

Wie kann man denn als Gießerei nachhaltig beschaffen?
Ganz klar ist, Qualität und Preis spielen eine Rolle. Wir müssen versuchen, unsere Lieferanten nach dem Lieferkettengesetz einzubinden. Es nützt uns ja nichts, wenn wir alle das Gleiche wollen, aber Kunden die Beschaffung von Einsatzmaterialien anders handhaben als in Sachen Nachhaltigkeit geboten wäre. Ich erwarte zwar nicht, dass künftig die regionale Beschaffung in den Vordergrund tritt, glaube aber schon, dass am Ende als Entscheidungskriterium der Kunden Nachhaltigkeit zu Preis, Leistung und Qualität hinzukommen wird. Wir sind jetzt noch nicht so weit, dass ein Einkäufer für nachhaltige Produkte fünf Prozent mehr zahlt, aber schlussendlich wird es so kommen.

Wie wichtig ist Nachhaltigkeit insgesamt für die Gießereibranche?
Zunächst glaube ich, dass wir auf Gussprodukte nicht verzichten können und sie durch etwas anderes nicht sinnvoll ersetzbar sind. Schon gar nicht durch etwas, das aufwendig ist. Das ist für mich gesetzt: Guss wird weiter gebraucht. Und das, was man braucht, sollte man möglichst schonend für Mensch und Umwelt produzieren. Ich frage: Welches Unternehmen ist nachhaltiger als eine Gießerei? Der Rohstoffgebrauch ist extrem gering und der Strom kann über kurz oder lang auch nachhaltig gewonnen werden. Und dann haben wir noch die Koksöfen. Hier sollten wir uns über eines im Klaren sein: Wenn wir uns dieser Herausforderung nicht stellen, ist eine noch stärkere staatliche Relementierung nicht auszuschließen.

Wie könnte man den ökologischen Fußabdruck von Kupolofenschmelzen denn verkleinern?
Bei Baumgarte haben wir schon vor Jahren von Koks auf Strom umgestellt. Von der Energieeffizienz und vom Wirkungsgrad ist ein Koksofen unschlagbar. Trotzdem blickt man deswegen auf unsere Branche. Für unsere Industrie spricht, dass wir 100 Prozent Schrott einsetzen, viel Recycling, dass wir auch den Sand z. T. recyceln und gute Löhne zahlen. Wir haben technisch viel erreicht und werden auch hier eine Lösung finden. Allerdings wird uns der Umstieg sehr schwer gemacht. Wenn man bedenkt, dass die aktuelle Gesetzesgrundlage bei der Berechnung der EEG-Umlage vorsieht, dass beim Umstieg vom Kupol- auf einen Induktionsofen die Umlage 1,5 bis 2 Jahre voll gezahlt werden muss, ist der Wechsel zu einem nachhaltigeren Schmelzaggregat sogar für diejenigen, die wollen, aus wirtschaftlichen Gründen nicht möglich.

Energieintensivität ist doch nichts Negatives. Ich würde gerne wettbewerbsfähige Strompreise haben. Wir verschwenden die Energie ja nicht, sondern gehen sparsam damit um, weil wir gar nicht anders können. Es ist einfach unfair, deshalb eine Industrie zu belagern. Ich habe kein schlechtes Gewissen, weil wir Strom brauchen. Dann soll er eben erneuerbar und nachhaltig hergestellt werden. Die meisten Gießer sind wie wir Mittelständler. Wir haben nur einen Standort, wir müssen hier überleben. Wir schaffen hier für unsere Mitarbeiter Arbeit. Häufig wird davon geredet, dass Unternehmen wie wir Arbeit sichern müssen. Ich will mehr – vorwärtskommen!

Das Interview mit Clemens Küpper führte Robert Piterek